Von den Großen lernen: Das Haus Alexander in Groß Glienicke
Ein Sehnsuchtsort am See beherbergte schon viele Menschen und wird nun zum lebendigen Lernort
Ein Sommerhaus am See, wer hätte das nicht gerne? Vor allem Großstädter:innen zieht es in den warmen Monaten raus ins Grüne. Das war auch schon 1927 so, als der Berliner Arzt Dr. Alfred Alexander ein Grundstück am Groß Glienicker See pachtete und dort ein kleines, gemütliches Holzhaus für sich und seine Familie errichten ließ. Ein Ort für das einfache Leben sollte es sein, geprägt von der Leichtigkeit des Sommers. Entstanden ist ein Haus, das zum stillen Zeitzeugen wurde. Denn nach nur wenigen Sommern war die Familie Alexander 1936 aufgrund der politischen Verhältnisse gezwungen, Nazi-Deutschland zu verlassen und nach England zu fliehen. Unbewohnt blieb das Haus aber selbst als die Mauer quer durch den Garten verlief nicht. Bis 2003. Mit dem Tod des letzten Bewohners verfiel es in einen Dornröschenschlaf, aus dem es erst zehn Jahre später wieder langsam mit viel Gemeinschaftssinn, familiärem Engagement und restauratorischem Können erweckt wurde.
Vorher: So sah die Terrasse hinter dem Haus aus, als Familie Alexander hier ihre Wochenenden und die Sommermonate verbrachte.
Ein Stück vom Weinberg. Langgestreckt liegt das Grundstück am Groß Glienicker See. Die dreihundert mal dreißig Meter große Parzelle war einst Teil eines Weinbergs und gehörte zum Gutshof von Otto von Wollank. Als dieser in finanzielle Schwierigkeiten geriet, verpachtete er Teile seines Grundes. Diese Parzelle ging an Dr. Alfred Alexander, damals Präsident der Berliner Ärztekammer. Die Pachtdauer war auf fünfzehn Jahre angelegt, mit einem späteren Vorkaufsrecht. Diese Vereinbarung wurde von der Geschichte zunichtegemacht.
Was wir daraus lernen: Alternativen zum Grundstückskauf nutzen. Statt ein Baugrundstück zu kaufen, gibt es auch die Möglichkeit eines zu pachten, mit einer Erbpacht auch auf lange Zeit.
Was wir daraus lernen: Alternativen zum Grundstückskauf nutzen. Statt ein Baugrundstück zu kaufen, gibt es auch die Möglichkeit eines zu pachten, mit einer Erbpacht auch auf lange Zeit.
Ein Sommerhaus für das einfache Leben. Der Zweck des Hauses am See war die Erholung, vorwiegend über die Sommermonate. Es sollte ein einfaches Haus voller Leben werden, auf einer relativ kleinen Fläche von etwa fünfundachtzig Quadratmetern. Die beiden Mädchen und die beiden Jungs der Familie teilten sich hier jeweils ein kleines Zimmer, ebenso die Eltern. Nach kurzer Zeit wurde es um drei Zimmer erweitert, um Gästen, dem Dienstmädchen und dem Chauffeur Platz zu bieten. Das meiste Leben spielte sich ohnehin im Freien ab.
Was wir daraus lernen: Erweiterungen ermöglichen. In der Grundrissplanung bereits spätere Veränderungsmöglichkeiten mitdenken, um den Wohnraum flexibel erweitern oder verkleinern zu können.
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Eingeschossiger Holzbungalow. Der Holzbau wurde als Pfosten-Riegel-Konstruktion errichtet, die auf einem Streifenfundament aus Ziegelmauerwerk sitzt. Die Zimmer orientieren sich an einer Mittelachse, die vom Eingang ins Wohnzimmer und von dort auf die Terrasse führt. Die Grundfläche ist in neun unterschiedliche Zimmer aufgeteilt, die großteils miteinander verbunden sind. Es gibt nur einen kleinen Flur.
Was wir daraus lernen: kluge Aufteilung spart Fläche. Wenn Verkehrsflächen auf ein Minimum reduziert sind, können größere oder mehr Zimmer auf derselben Fläche entstehen.
Was wir daraus lernen: kluge Aufteilung spart Fläche. Wenn Verkehrsflächen auf ein Minimum reduziert sind, können größere oder mehr Zimmer auf derselben Fläche entstehen.
Wie ein Flur wirkt die Zimmerflucht der später hinzugebauten Räume.
Inspiriert auf der Messe, gebaut vom Bauunternehmer. In den 1920er-Jahren kam eine regelrechte Wochenendbewegung auf, zu der 1927 sogar eine Messe mit dem Namen „Das Wochenende“ stattfand. Hier holte sich Dr. Alexander mit seinem Freund und späteren Wochenendhausnachbarn Professor Fritz Munk Anregungen. „Um den Entwurf ranken sich fast schon Legenden“, erzählt Architektin Frauke Weber, die seit 2015 mit ihrem Büro Hertzberg Weber Architekten die Sanierung des Hauses Alexander verantwortet. „Vermutlich haben sie sich an den Typenhäusern von Christoph & Unmack orientiert, für die auch Konrad Wachsmann gearbeitet hat.“ Gebaut hat das Haus der Berliner Bauunternehmer Otto Lenz.
Was wir daraus lernen: Anschauen hilft beim Verstehen. Bereits gebaute Häuser sind eine ergiebige Inspirationsquelle, auch und gerade für Nichtfachleute.
Inspiriert auf der Messe, gebaut vom Bauunternehmer. In den 1920er-Jahren kam eine regelrechte Wochenendbewegung auf, zu der 1927 sogar eine Messe mit dem Namen „Das Wochenende“ stattfand. Hier holte sich Dr. Alexander mit seinem Freund und späteren Wochenendhausnachbarn Professor Fritz Munk Anregungen. „Um den Entwurf ranken sich fast schon Legenden“, erzählt Architektin Frauke Weber, die seit 2015 mit ihrem Büro Hertzberg Weber Architekten die Sanierung des Hauses Alexander verantwortet. „Vermutlich haben sie sich an den Typenhäusern von Christoph & Unmack orientiert, für die auch Konrad Wachsmann gearbeitet hat.“ Gebaut hat das Haus der Berliner Bauunternehmer Otto Lenz.
Was wir daraus lernen: Anschauen hilft beim Verstehen. Bereits gebaute Häuser sind eine ergiebige Inspirationsquelle, auch und gerade für Nichtfachleute.
Erweiterungen sichtbar belassen. „Das Haus wurde im Laufe seines Lebens mehrmals umgebaut. Das erste Mal kurz nach seiner Errichtung. Für die Restaurierung mussten wir entscheiden, von welchem der verschiedenen Bauzustände wir ausgehen. Wir haben uns für das Jahr 1934 entschieden. Bis dahin waren die Erweiterungen noch vom ersten Besitzer veranlasst worden“, erklärt Weber. Wer genau hinschaut, kann die späteren Ergänzungen erkennen: Im zuerst errichteten Hausteil gibt es Klappläden und Klappfenster, im neueren Schiebeläden vor Schiebefenstern, die zwischen Fassade und Innenvertäfelung verschwinden.
Was wir daraus lernen: erst planen, dann machen. Bei einer Sanierung mit Rückbau überlegen, welche später hinzugefügten Hausteile entfernt werden müssen, um den ursprünglichen Charakter wieder zu zeigen.
Was wir daraus lernen: erst planen, dann machen. Bei einer Sanierung mit Rückbau überlegen, welche später hinzugefügten Hausteile entfernt werden müssen, um den ursprünglichen Charakter wieder zu zeigen.
Farbige Fröhlichkeit. Außen fast noch zurückhaltend, mit der dunklen Holzfassade und den wenigen Verzierungen in Blau und Weiß, wird es im Innern des Hauses bunter. Rot leuchtet der Fußboden in allen Zimmern, die Wände der später hinzugekommenen Räume sind in hellem Grün, Gelb und Blau oder kräftigem Rot gestrichen. Farben, die den Leisten der zuerst errichteten Räume eine geometrische Ordnung verleihen. Und selbst die Decken sind farbig gehalten. „Es herrscht im Haus eine sehr vergnügte Farbigkeit“, beschreibt Weber.
Was wir daraus lernen: Farben bringen Leben in Räume. Der Mut zur Farbe wird mit einer fröhlichen Ausstrahlung belohnt.
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Wände als Stauraum. Trotz der geringen Grundfläche des Hauses gibt es viel Stauraum. Der versteckt sich in Einbauschränken, die zugleich Wände sind. Fast unsichtbar verläuft die Vertäfelung darüber, seltener sind offene Regale in die Wände eingelassen. Im Wohnzimmer gab es Hängeschränke unter der Decke, die im Zuge der Restaurierung noch nachgebaut werden sollen, wie Weber erklärt. Passgenau waren vermutlich auch andere Möbel gefertigt. „In der Nische im Zimmer der Jungen stand vermutlich ein Stockbett. Und im Elternschlafzimmer deutet eine von Hängeschränken gerahmte Aussparung darauf hin, dass hier ein Doppelbett stand“, so die Architektin.
Was wir daraus lernen: Platz sparen durch Einbaumöbel. Eine Kombination aus Wand und Einbauschrank nutzt die Fläche maximal und spendet zudem noch viel Stauraum.
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Einfache Materialien. Dem einfachen Leben entsprechend wurde auch mit einfachen Materialien gebaut. Die Fenster sind einfach verglast und wurden auch so erhalten. Im Dach sitzt ein Fenster, das das innenliegende Badezimmer mit Tageslicht versorgt. „Das alte Fenster konnte geöffnet werden. Es war aber nicht zu erhalten und wir haben es durch eine Festverglasung ersetzt“, erzählt Weber. Die Zuluft erhält das Bad heute über die Tür zum Flur, die Abluft entweicht elektrisch gesteuert über das Dach.
Die Dacheindeckung wiederum besteht aus Dachpappe, während das Haus ansonsten aus Holz gebaut ist. „Holz ist hier ein schwieriges Material. Dem Wasser ausgesetzte Teile werden schneller beschädigt“, erläutert Weber. Bei der Restaurierung mussten Teile der Lattung im Sockelbereich ausgetauscht werden, ebenso einzelne Bereiche der Bodendielen.
Was wir daraus lernen: Holz vor Wasser schützen. Ein Holzhaus hält umso länger, je besser es vor Feuchtigkeit geschützt ist, lässt sich aber auch in Einzelteilen restaurieren.
Was wir daraus lernen: Holz vor Wasser schützen. Ein Holzhaus hält umso länger, je besser es vor Feuchtigkeit geschützt ist, lässt sich aber auch in Einzelteilen restaurieren.
Energetisch nur an den Sommer gedacht. Als Sommerhaus konzipiert, waren die holzverkleideten Wände nur dünn mit Zeitungen und teilweise Schafwolle gedämmt. „Durch die Zeitungen haben wir viel über die Entstehungszeit des Hauses erfahren“, so die Architektin. Der Fußboden war nicht gedämmt, allerdings verliefen hier Heizrohre. Die warme Luft stieg aus im Boden eingelassenen Gittern auf. Dieses System wurde bei der Restaurierung übernommen und ein wenig erweitert. Heizkörper gibt es hingegen nicht. Heute wird die Heizenergie von einer Luft-Wärmepumpe produziert. Ein Teil der Splitanlage befindet sich im einzigen Kellerraum des Hauses unter der Küche, der andere im Garten. „Wir mussten erst die Technik im Keller aufstellen und dann den Boden darüber schließen. Anders wäre es aus Platzgründen nicht möglich gewesen“, beschreibt die Architektin.
Was wir daraus lernen: Heizung und Dämmung müssen der Nutzung angepasst sein. Ökologie ist dabei keine neue Erfindung.
Was wir daraus lernen: Heizung und Dämmung müssen der Nutzung angepasst sein. Ökologie ist dabei keine neue Erfindung.
Bei der Restaurierung wurde der offene Kamin im Wohnzimmer wieder freigelegt und instand gesetzt. Dabei kamen unter Tapeten auch Fliesen zum Vorschein, die die Familie Alexander von Reisen mitgebracht hatte.
Ein dreigeteilter Garten mit Seeanschluss. Das langgestreckte Grundstück bietet Raum für verschiedene Nutzungen. Früher gab es Obstbäume beim Zugang ganz im Norden am Potsdamer Tor, gefolgt von einem Gemüsegarten und einer kleinen Nutztierhaltung. Wege führten auf den Hauseingang zu, vor dem Blumenrabatten angelegt waren. Der repräsentativere Garten lag hinter dem Haus, mit Blick auf den See. Der war später durch die Mauer versperrt, die das Grundstück vom Wasser trennte, und heute reicht die Aussicht nur bis zum üppigen Uferbewuchs. Die Wiederherstellung der Gartenanlage ist das nächste Projekt des Vereins. Die etwa sechs Meter tiefe Veranda ist bereits wieder erstellt und gibt einen Eindruck davon, wie es hier war und sein wird.
Was wir daraus lernen: Ein Garten kann ganz verschiedene Zwecke erfüllen. Nahrungsanbau und Erholung lassen sich gleichberechtigt verwirklichen.
Was wir daraus lernen: Ein Garten kann ganz verschiedene Zwecke erfüllen. Nahrungsanbau und Erholung lassen sich gleichberechtigt verwirklichen.






















Hier wohnte: das Ehepaar Alexander mit seinen vier Kindern, Chauffeur und Kindermädchen – und später noch vier weitere Familien
Auf: rund 85 Quadratmetern
In: Groß Glienicke, Potsdam
Bauweise: Holzriegelkonstruktion mit Holzverschalung
Besonderheit: das kleine Sommerhaus mit seiner wechselnden Bewohnerschaft ist Zeitzeuge, Bildungs- und Versöhnungsort – über Besichtigungen freut sich der Alexander-Haus e. V.
Dokumentation: die Geschichte des Hauses hat der Urenkel von Dr. Alfred Alexander, Thomas Harding, recherchiert und in seinem Buch „Sommerhaus am See“ dokumentiert
Expert:innen: errichtet vom Berliner Bauunternehmer Otto Lenz, restauriert unter der Leitung von Hertzberg Weber Architekten
Fotos: André Wagner
Historisches Foto: Lotte Jacobi